Gastbeitrag: Die Volksbühne als Feierabendbier

Im Nachhinein taumelt man und fragt sich immer wieder, wie das geschehen konnte, als wollte man die Antwort nicht erfragen, sondern abwehren. Die Frage, wie diese Abwicklung passieren konnte, und der zäh von den Rändern der Wahrnehmung aus ins Zentrum des Bewusstseins zusammenlaufende Unglaube weichen langsam dem Ärger darüber, dass da offenbar noch ein Glaube an irgendwas war. Dabei hätte man wissen oder wenigstens ahnen sollen, dass im Kapitalismus alles irgendwann in die Restmülltonne rutscht, was nicht verwertbar ist.

Ein bisschen gewinnt man den Eindruck, so unangenehm das auch sein mag, man sei da doch einem bürgerlichen Verblendungsmechanismus aufgesessen, in dieser unterschwelligen Gewissheit oder Hoffnung, dass es so etwas wie diese Volksbühne ewig geben könnte. Jetzt wurde einem also der Sessel unterm Arsch weggerissen und man findet sich auf dem Beton wieder. Es gibt nicht mehr diese Irren in der Volksbühne, die das Andere, die Utopie, den Widerstand oder den Aufstand proben.

Die Botschaft der Psychos

Und dann blickt man zurück und einem fällt auf, dass das auch noch die ganze Zeit die Botschaft der Psychos auf der Bühne war. Da waren welche, die haben immer gerufen: Die Apokalypse kommt! Und man hat auf dem Asphalt im Zuschauerraum gesessen und gelacht und gedacht: Nö, solange es euch gibt, kann es ja so schlimm nicht sein. Dabei prangte in der Volksbühne schon das Versace-Logo, das Coca-Cola-Schild, lief der Mensch als Werbetafel über die Bühne, wurde der Sessel buchstäblich durch Asphalt ersetzt.

Wie konnten wir so naiv sein und das für ein Bühnenbild halten? Als wäre die Realität, die auf die Bühne gebracht wurde, unbegreiflich gewesen. Und jetzt wo man gezwungen ist, sie zu sehen, weil sie auf der Bühne nicht mehr stattfindet, wünscht man sich nichts sehnlicher, als genau das nochmal auf der Bühne durchgekämpft zu sehen. Das ist kein Vorwurf an den Dealer – man holt sich seinen Stoff, wo man ihn kriegen kann.

Gemütlich im Haus der Kritik

Man saß da drin und dachte: Auweia! Ja, die da draußen, dieser Kapitalismus, diese Rationalisierung, die noch den letzten Aufschrei einpreist, labelt und im Onlineshop mit kostenlosem Versand anbietet, das ist echt schlimm! Aber hier im Haus der Kritik, des Widerstands und Wahnsinns, in der Verschwendungszentrale, bin ich sicher. Und jetzt denkt man doch in einsamen Stunden: Das kann doch nicht sein, dass ich da drin saß wie der Kfz-Mechatroniker am Wochenende auf zweihundert Quadratmetern Kleingarten und dachte: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!

Die Erzählung war immer, die Volksbühne wäre das trojanische Pferd, mit dem man den widerständigen Gedanken in die bürgerliche Selbstgewissheit einschleust. Aber jetzt in dieser konkreten Situation muss man schon mal fragen, ob sie nicht das trojanische Pferd der anderen Seite war und die bürgerliche Selbstgewissheit in den Widerstand eingeschleust hat. Weil es eben nicht nur um das ging, was da gezeigt wurde, sondern auch um die beruhigende Wirkung der Gewissheit, dass es gezeigt wurde. Oder anders: Man hätte nicht gedacht, dass das, was in der Volksbühne gezeigt wird, tatsächlich der Volksbühne passieren kann. Zeiger abgebrochen, warum denn auch nicht?

Umgedrehter Arbeitergroschen

Ein leiser Zweifel war da immer: Diese romantische Geschichte der Volksbühne, die die Arbeiterinnen sich vom Feierabendbier abgespart hätten. War das vielleicht nicht zugleich auch die Entstehung der Volksbühne als Feierabendbier? Das heißt nicht, dass das Gebäude abgerissen werden muss, aber es sollte, wie so viele Stätten der Arbeiterinnenbewegung, als Bau gewordener Widerspruch auch mit sich selbst verstanden werden. Es ist nicht nur Behauptung gegen die Welt da draußen, es ist auch eine Einrichtung in ihr. Es wäre damals immerhin auch die Besetzung eines bürgerlichen Theaters, wenn nicht umsetzbar, so doch wenigstens denkbar gewesen.

Diese Ursprungsgeschichte vom Arbeiterinnengroschen hat eine seltsam unproblematische Glattheit an sich. Als wäre da nicht immer auch ein Kampf der Theatermacherinnen mit den Arbeiterinnen und der Arbeiterinnen untereinander gewesen. Als wären die Arbeiterinnen nicht ebenso wie das Gebäude korrumpierbar gewesen. Als müsste man den Arbeitergroschen nicht vor allem permanent davor bewahren, zum Zehn-Cent-Aufpreis für Starbuckskaffee als Spende für den Regenwald oder zu Wollsocken für Frontsoldaten zu werden. Als hätte Piscator nicht die revolutionäre Taktik bestimmt als „Erziehung des Publikums auch gegen seinen Willen“.

Das Proletariat hat keine Heimat

Und bei aller Überrumpelung – ist das vielleicht zu guter Letzt passiert? Hat uns am Ende ein Tim Renner nicht den wirklich schockierenden Schock verpasst? Ist der Vorgang der letzten zwei, drei Jahre nicht selbst das Lehrstück? Ein Lehrstück auch in dem Sinne, dass es nicht das Publikum als Publikum adressiert, sondern als Spielerinnen involviert. Ein altes proletarisches Sprichwort sagt: Erst, wenn das letzte Lokalkolorit von euren Mauern abgekratzt, überputzt, entkernt, ausgeschürft, digitalisiert, privatisiert, börsennotiert und rationalisiert ist, werdet ihr merken, dass das Proletariat keine Heimat hat!

Die Volksbühne als Raumschiff oder Arche, in das sich alle Gerechten retten, während draußen der Nuklearnebel des Kapitalismus wütet, wurde demontiert. Sie muss jetzt vielleicht ein Shoppingcenter werden, mit Fitnesscenter oben und Parkhaus unten oder ein Hub für Startups. Das ist schade um die Gewerke und die Arbeitsplätze. Aber es war ja auch vor mehr als 25 Jahren schon schade um die Kollektive, um das abgewickelte VEB Berliner Glühlampenwerk „Rosa Luxemburg“ (NARVA) zum Beispiel, das zu DDR-Zeiten Patenbetrieb der Volksbühne war. Womit auch die Utopie einer widerständigen Glühbirne entsorgt wurde, die durch unerhört unaufhörliches Brennen das Spiel der kapitalistisch geplanten Obsoleszenz stört.

Prinzip Zwietracht

Selbst wenn die Volksbühne in ihrer „widerständigen“ bzw. widersprüchlichen Form reanimiert werden sollte, wäre die Frage, ob eine öffentliche Klärung der Frage tatsächlich der Weg dorthin wäre. Die Haltung, die so oft „der Kunst“ mit einem seltsamen Anklang an den bürgerlichen Kunst- bzw. Geniebegriff zugeschrieben wird, war in Wahrheit eine viel kompliziertere und widersprüchlichere. Sie war böse. Und da Castorf ehrlich gesagt nicht wirklich als Agitator in der proletarischen Sache aufgefallen ist, wir ihn uns also mühsam durch Unterstellung und Instrumentalisierung zurechtbiegen müssen, lässt sich proletarische Ansteckungskraft vielleicht am ehesten in dieser Boshaftigkeit ausmachen. Oder um es mit Rosa Luxemburg zu sagen: in der Taktik der Taktlosigkeit des Proletariats gegenüber dem Bürgertum oder mit Valerie Solanas im Scum/Abschaum-Sein.

Die letzten Jahrzehnte der Volksbühne sind aus einem Widerspruch entstanden, der sich nicht im Konsens einer Neubesetzung des Intendantinnenpostens fortsetzen lässt. Was sich da gegen das Wohlkalkulierte, Methodische und Einverständnis Erzeugende gewehrt hat, kann nicht durch die wohlkalkulierte, methodische und einvernehmliche Form der Entscheidungsfindung reproduziert werden. Die Forderung, Einheit zwischen den Interessen herzustellen, den Konflikt zu befrieden, widerspricht dem hauseigenen Prinzip, das auch immer darin bestand Zwietracht zu säen, den scheinbaren Konsens und den Anspruch auf reibungslose Sinnproduktion zu entlarven.

Wie weit tragen Wut und Vorstellungskraft?

Es hieße, die Volksbühne als einen umkämpften Ort zu beseitigen. Es hieße, die Volksbühne gerade als Ausstellungsort der Brüche, die durch die Stadt, deren Verwaltung, deren Bewohnerinnen, deren Kapital, deren Werberinnen, deren Presse und deren Phantasien gehen, abzuschaffen und zum Mittel der Übertünchung zu degradieren.

Was kann in einer Situation wie dieser im günstigsten Fall erreicht werden? Wie weit können die Wut und die Vorstellungskraft tragen, die ja ihren Grund in einer tieferliegenden Schicht als nur der Institution Volksbühne haben? Um an der Stelle nochmal an Rosa Luxemburg zu erinnern: „Das Proletariat (gelangt) durch den gewerkschaftlichen und politischen Kampf zu der Überzeugung von der Unmöglichkeit, seine Lage gründlich durch diesen Kampf aufzubessern, und von der Unvermeidlichkeit einer endgültigen Besitzergreifung der politischen Machtmittel.“
Das ist der Witz am ganzen Marxismus – dass der Kapitalismus durch seinen Erfolg immer auch Selbstentlarvung in den Augen des Proletariats ist. Was allerdings nur funktioniert, wenn es einen Blick gibt, dem das Entlarven wichtiger ist als das vorübergehende philanthropisch-paternalistische oder auch kunstsinnige Zugeständnis des Kleingartenglücks.

Explosion als Denkoption

Die Frage ist dann, ob die Person oder Truppe – die als Ergebnis eines Kompromisses im Haus Fuß fasst – diese Lust am Entlarven wecken kann. Oder ob nicht vielleicht doch die Verwandlung der Volksbühne in ein integriertes Wellness-, Entertainment-, Shopping- und Clubbing-Center einen höheren Grad an Entlarvungspotential darstellt. Ob aus dem Widerstand dagegen nicht letztlich ein interessanteres Maß der Politisierung und Organisierung erreicht werden könnte.

Die Verwandlung der Volksbühne in eine Bombe kann vielleicht nur durch ihre Explosion erreicht werden. Das würde ich als Denkoption gegenüber einer entschärfenden Musealisierung oder eines Neuanfangs im Einverständnis gern mal in den Raum stellen. Nicht als produktiv sachdienlicher Beitrag zum Diskurs, sondern als Vorbote der uns vermutlich bevorstehenden Kämpfe. Oder um an der Stelle auch mal mit Brecht zu wedeln: „Was von der Kultur also verteidigen wir? Die Antwort muß heißen: Jene Elemente, welche die Eigentumsverhältnisse beseitigen müssen, um bestehenzubleiben.“

Published at Mon, 06 Aug 2018 10:50:24 +0000