US-Professor Donahue: Eine Liebeserklärung an den deutschen Kulturbetrieb

Politische Themen mit Streitpotenzial gab es jede Menge, als ich 1981 mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin kam. Ich hatte mich noch gar nicht richtig umgeschaut, da machten mich Studenten des Otto-Suhr-Instituts für Politologie an der FU schon für Ronald Reagans gesammelte Sünden verantwortlich – als hätte ich damals persönlich die Stationierung von Pershing-Raketen in der Bundesrepublik angeordnet.

Allenfalls in der Abteilung Vermischtes konnte ich punkten. Sobald ich meine Gesprächspartner von der Politik losgeeist hatte, hörte ich Sachen wie: „Ach ja, die USA … ein unglaublich weites Land. Tolle Naturparks. Ich wollte schon immer eine Reise durch den Westen machen. Schade, dass ihr keine Kultur habt.“

Diese von Karl May inspirierte Leier hörte ich in verschiedenen Formen – manchmal etwas weniger explizit, aber irgendwie schon immer gleich. Selbst meine bedächtigeren deutschen Freunde, darunter ein Freiburger Professor, den ich nie vergessen werde, wollten mir dabei helfen, die Überlegenheit der deutschen Kultur anzuerkennen. Manche taten das mit atemberaubender Herablassung. Heute, fast vierzig Jahre später, habe ich langsam den Eindruck, dass sie irgendwie recht hatten. Lassen Sie mich das erklären. 

Die Liebe zu Büchern

Zusammen mit Martin Kagel leite ich alljährlich das Notre Dame Berlin Seminar (NDBS), im Rahmen dessen sich etwa ein Dutzend Dozenten und fortgeschrittene Studenten aus Nordamerika mit dem deutschen Literaturbetrieb beschäftigen. Wir alle haben ziemlich viel Erfahrung damit, wichtige Texte in Forschung und Lehre zu behandeln. Das machen wir mindestens seit dem Masterstudium. Wir haben uns leidenschaftlich mit allen möglichen deutschen Büchern auseinandergesetzt, haben Wissen über sie vermittelt, sie teils auch übersetzt, und wir haben detaillierte Analysen veröffentlicht, die hoffentlich auch ein bisschen spannend sind. 

Seit Jahren lieben wir diese Bücher. Aber woher kommen sie? Wie werden sie veröffentlicht? Und wer wird eigentlich veröffentlicht? Das NDBS wurde vor drei Jahren gegründet, um vor allem in den USA arbeitenden Wissenschaftlern und Lehrern Einblicke hinter die Kulissen des Literaturbetriebs zu gewähren. Sie sollen den großen Bogen der deutschen Buchkultur vom Autor über Agent und Lektor bis hin zu Verleger, Kritiker, Bibliothekar und Archivar und noch darüber hinaus nachvollziehen. 

Nun stellt sich heraus, dass der „Betrieb“ deutlich vielfältiger ist, als wir es erwartet haben. Ich bin übrigens auch nicht sicher, ob „Betrieb“ das richtige Wort ist. Wir kommen uns vor wie beim Gang durch den Wandschrank in C. S. Lewis’ „Chroniken von Narnia“: Was wir sehen, ist eine außerordentlich üppige Welt, und gemessen an dem, was man vom literarischen Leben in den USA erwarten kann, ist sie wirklich beeindruckend. 

Hörspiele machen Literatur erfahrbar

Beispielsweise haben wir gelernt, dass zum literarischen Leben hier schon seit langem der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört. Seine ausufernden Online-Auftritte mögen für viele Zeitungen ein Ärgernis darstellen, aber sein Anteil am Gedeihen der Literatur und überhaupt der Kultur steht außer Zweifel.

Exemplarisch sei das Hörspiel genannt. Darüber haben wir bei einem nachmittäglichen Besuch bei Deutschlandfunk Kultur viel erfahren.
Die Gattung war schon vor dem Krieg wichtig, und sie spielte dank des 1950 erstmals verliehenen Hörspielpreises der Kriegsblinden danach eine noch viel größere Rolle. Eindrucksvolle Produktionen, die weit mehr sind als nur Hörbücher, machen Literatur für breitere Schichten erfahrbar und stellen zugleich eine zusätzliche Einkommensquelle für Autoren, Verleger und professionelle Sprecher dar. In den USA gibt es so etwas einfach nicht – noch nicht einmal bei meinem geliebten NPR, dem National Public Radio. 

Und die Zeitungen sterben vorerst nicht so schnell aus. Wir haben auf jeden Fall das Gegenteil bei unserem Besuch in der Berliner Zeitung erlebt, wo wir einer lebhaften Radaktionssitzung beigewohnt haben. Und in unserem anschließenden Gespräch mit Cornelia Geißler haben wir ein Feuilleton entdeckt, das sich geschickt um die literarische Bewältigung der DDR-Vergangenheit bemüht.

Für die deutsche Kultur gibt es Hoffnung

Eine weitere Entdeckung für uns war die gewaltige Rolle von Theater und Theaterkritik im öffentlichen Leben der Bundesrepublik. „Gewaltig“ kommt sie einem Amerikaner wie mir vor: Ich staune über die riesige Anzahl ziemlich großzügig ausgestatteter staatlicher Theater und die Anzahl der Theaterbesuche – 20 Millionen im Jahr! Es gibt sicher keinen besseren Weg, das literarische und kulturelle Leben aufrecht zu erhalten, als ein so enges Netz, in dem selbst kleine Orte eine öffentliche Bühne besitzen. Das amerikanische Theater hat seine Verdienste, aber keine vergleichbare Infrastruktur. 

Wir wissen: Es sieht nicht alles rosig aus. Vertreter aller Verästelungen des Betriebs haben uns von Krisen erzählt. Deutsche Zeitungen sind angeschlagen, auch die alten Schlachtrosse. Immer weniger Menschen in Deutschland geben Geld für Lesestoff aus. Taschenbücher müssen gegenüber E-Readern zurückstecken. Theaterkritiken, die ich eben noch so hoch gelobt habe, gibt es in den großen Blättern kaum noch. Die Buchpreisbindung, auf die die weniger profitablen Verlage angewiesen sind, könnte abgeschafft werden. Und jede Menge Leute im Kulturbetrieb arbeiten sich nächtelang den Rücken krumm, werden aber nur als Teilzeitkräfte bezahlt. 

Gibt es Grund zur Hoffnung? Aus amerikanischer Sicht steht Ihre Kultur weiterhin beneidenswert gut da. Der Niedergang des Zeitungswesens bedeutet keineswegs das Ende der Theaterkritik. Das gewiefte gemeinnützige Unternehmen nachtkritik.de hat im Netz für eine neue Blüte des Theater-Diskurses gesorgt. Es gibt viele Preise, Buchmessen und Literaturfestivals, die eine neue Lesergeneration anlocken. Theresia Enzensberger, die 2014 das Block-Magazin gegründet hat, sagte uns: „Jedes Dorf hat noch ein Literaturhaus, wo Lesungen gehalten werden.“ Der hohe Anspruch der deutschen Kultur, vertreten durch das vielgeschmähte Bildungsbürgertum, ist weiterhin spürbar. 

Kultur darf nicht zum Opfer des Kommerzes werden

Kleine Theater werden von Ihnen weiterhin unterstützt – sie verleihen dem literarischen Leben immer wieder neuen Antrieb. Ganz offensichtlich sind sie für Sie Teil Ihrer kulturellen Identität. Trotz einiger Budgetkürzungen sind öffentlich-rechtliche Rundfunksender Leuchttürme nicht nur in der Welt der Kultur, sondern auch für die demokratische Öffentlichkeit an sich. Glücklicherweise haben Sie sich entschieden, an der Buchpreisbindung festzuhalten. Dadurch wird eine Fülle literarischer Publikationen möglich, wie sie in unserem Land kaum vorstellbar ist. Das gilt vor allem für Gedichte und experimentelle Prosa, die sonst nie ans Tageslicht kämen. 

Wenn gönnerhafte Herablassung der Preis ist, den ich als Amerikaner für dies alles zahlen muss, dann bin ich dabei! Ich denke, auch der heutige Literaturbetrieb lässt sich analog zur Idee der sozialen Marktwirtschaft verstehen: Kapitalismus mit klugen Regeln und einem funktionierenden Sicherheitsnetz. Ich hoffe, dass Ihre beneidenswerten literarischen Einrichtungen noch lange so erhalten bleiben. Sorgen Sie sich um sie, und lassen Sie sie nicht zum Opfer der zersetzenden Kräfte des Kommerzes werden. Denn einige wenige gute Grundsatzentscheidungen – öffentliche Unterstützung für bedeutungsvolle Kultureinrichtungen sowie die Buchpreisbindung – machen viel aus! Nicht zuletzt deshalb widmen sich Amerikaner auch weiterhin der deutschen Kultur.

William Collins Donahue ist Direktor des Nanovic Instiute for European Studies in der Keough School of Global Affairs der University of Notre Dame (USA). Mit Martin Kagel (University of Athens, Georgia) leitet er das Notre Dame Berlin Seminar.

Published at Mon, 23 Jul 2018 21:11:19 +0000